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Erste Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung

5. Februar 2015

Am 13. Mai 2019 fand im Museum für Kommunikation in Berlin die Veranstaltung der Stiftung Anerkennung und Hilfe mit dem Titel "Zeit, über das Leid zu sprechen" statt. Neben Betroffenen, die auf der Veranstaltung von ihren Erfahrungen in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie berichteten, stellte auch Prof. Dr. Heiner Fangerau die ersten Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung vor.

Hier finden Sie den vollständigen Vortrag von Prof. Dr. Fangerau  [PDF, 123KB] .

Zusammenfassung der Zwischenergebnisse

Hintergrund

Das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in Heimen für Menschen mit Behinderungen, in Krankenhäusern sowie psychiatrischen Kliniken wurde bisher zu wenig beachtet. Dabei ist diese Gruppe groß. Für den Zeitraum von 1950 bis 1975 umfasst sie nach Schätzungen bis zu 116.000 Kinder und Jugendliche in der BRD und bis zu 140.000 für den Zeitraum von 1949 bis 1990 in der DDR1.

Ihren spezifischen Unrechtserfahrungen und ihrem individuellen Leid widmet sich das Forschungsprojekt, das seit 2018 für die Stiftung Anerkennung und Hilfe durchgeführt wird. Neben einer individuellen Anerkennung von erlittenem Leid und Unrecht durch persönliche Gespräche in Anlauf- und Beratungsstellen der Stiftung soll durch die historische Bearbeitung auch zur öffentlichen Anerkennung beigetragen werden. Die Forschung, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Düsseldorf, Berlin, Bochum und Heidelberg sowie des Deutschen Instituts für Heimerziehung in Berlin durchgeführt wird, konzentriert sich für die Bundesrepublik Deutschland auf den Zeitraum zwischen 1949 und 1975 (Beginn der Psychiatriereformen) und für die DDR auf den Zeitraum zwischen 1949 und 1990 (Wiedervereinigung).

Vorgehen

In der Forschungsliteratur existieren für den Forschungszeitraum bereits mehrere institutionsbezogene Einzeldarstellungen der Erlebnisse von Bewohner/-innen von Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Kinderpsychiatrien. Auch haben einzelne Einrichtungen und einige Bundesländer eigene Forschungsaufträge zu ihrer Geschichte vergeben2.

Das Projekt will aus den vorhandenen Mosaiksteinen ein Gesamtbild zur Geschichte von Unrecht und Leid zusammenzustellen, das diese Menschen in Deutschland erlebt haben.

Unterbringungslandschaft

Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, die Heim- und Kinderpsychiatrielandschaft überhaupt erst zu erfassen. Momentan wird an einer Gesamtliste aller Einrichtungen gearbeitet, die von Betroffenen genannt werden oder die in Archivunterlagen angegeben werden. Diese werden schrittweise auf der Seite des Deutschen Instituts für Heimerziehungsforschung mittels eines Kartenprogramms auch optisch öffentlich gemacht. Für die Betroffenen und deren Angehörige ist die Darstellung in einem solchen Format auch eine Form der Sichtbarmachung ihrer Lebensbiografie.

Einrichtungsstudien

Über die Situation in den Einrichtungen sagt diese Einrichtungsübersicht aber nichts aus. Sie dient lediglich als Hilfsmittel für weitere Forschungen. Zur Erfassung und Analyse der Lebensumstände in den Einrichtungen konzentrieren wir uns exemplarisch auf 16 unterschiedliche Einrichtungen aus Ost und West, in denen wir versuchen, über Patienten- und Bewohnerakten Formen von Leid und Unrecht zu identifizieren. Mittlerweile sind die Erhebungen in 5 Einrichtungen abgeschlossen, in den meisten anderen Einrichtungen wurde die Untersuchung begonnen. Ca. 500 Fälle wurden bisher analysiert.

Zeitzeugenportal und Zeitzeugengespräche

Um auch den Betroffenen selbst eine Stimme geben zu können, führt das Forschungsteam darüber hinaus Interviews mit ehemaligen Patientinnen und Patienten und Bewohnerinnen und Bewohnern der untersuchten Einrichtungen durch, in denen sie über ihre Erinnerungen, ihre Emotionen und ihre Erfahrungen berichten können. Ferner wurde im Internet ein Online-Portal für Zeitzeugen eingerichtet, in dem Betroffene (alleine oder mit ihren Betreuerinnen bzw. Betreuern und Vertrauten) oder auch ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Anstalten und Heime anonym oder namentlich von ihren damaligen Heimerlebnissen berichten können. Die erste Zuschrift erfolgte am 14.8.2018. Seitdem haben über 150 Personen das Portal besucht. Mit Unterstützung der Stiftung konnte in diesem Jahr das Zeitzeugenportal auch in Leichter Sprache online gehen. Nicht zuletzt wurden Beraterinnen und Berater der Anlauf- und Beratungsstellen gebeten, Schilderungen von Betroffenen in einem Gruppengespräch zusammenzufassen, um auf diese Weise auch die Erlebnisse von über 4000 Personen, die sich schon in den Anlauf- und Beratungsstellen gemeldet haben, indirekt in das Projekt einfließen zu lassen.

Erste Ergebnisse

Zeitzeugen berichten in bedrückender Form von Missachtung, Zwang, Gewalt und Demütigungen, die Kinder erleben mussten, wenn sie zwischen 1945 und 1990 in deutschen Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Kinderpsychiatrie untergebracht gewesen waren. Die von uns untersuchten Akten unterstützen dieses Bild nachhaltig. Wir finden hier verschiedene Formen von Leid und Unrecht durch a) physische und sexualisierte Gewalt, b) den Entzug von persönlichen Freiheitsrechten, c) psychische Gewalt, d) medizinische Gewalt, e) die Behandlung mit psychotropen Substanzen, f) medizinische Versuche bzw. Studien in so vielen Fällen, dass dieses im Untersuchungszeitraum nicht nur außergewöhnliche Ereignisse markieren, sondern Kinder in den Heimen der Behindertenhilfe und in Kinder- und Jugendpsychiatrien ständig davon bedroht waren. Gleichzeitig war ein Unrechtsbewusstsein durchaus vorhanden.

Überraschend ist die Vielfalt der existierenden Heime und Kliniken. Nicht immer sind die Typen der Einrichtungen klar voneinander zu unterscheiden. Wenn auch die Gewaltschilderungen sich ähneln, so lassen sich dennoch einige erste grobe Muster im Umgang mit den Kindern nach Einrichtungstypus und Region erkennen. Im Osten tritt immer wieder der Mangel in Erscheinung, der sich im Laufe der Zeit eher verstärkt als bessert. Im Westen scheint es, vor allem in den westdeutschen Psychiatrien, mehr und flächendeckende Arzneimittelstudien mit den Kindern gegeben zu haben. Seit den 1960ern nimmt hier insgesamt die Medikation zu, die schmerzhafte Prozedur der Pneumencephalographie3 hingegen scheint in Ost und West reduziert worden zu sein.

Die Perspektive auf die Kinder, der uns in allen Akten begegnet, ist die eines Defizitblicks. Hier zeigt sich ein leichtes Umdenken in den 1960er Jahren. Zeitzeugen berichten immer wieder, dass mit jüngeren Personen im Bereich der Pflege sich der Umgang mit den Kindern ab den späten 1960er Jahren verbesserte.

Noch mehr Gewicht werden wir in den folgenden Analysen auf das Leid neben den unmittelbaren Gewalterfahrungen legen. Betroffene berichten immer wieder von der dauerhaften Leiderfahrung der fehlenden gesellschaftlichen Teilhabe, etwa von den Verboten, einen Beruf zu erlernen oder bei Gehörlosen von den Verboten, zu gebärden.

Es ist noch zu analysieren, inwieweit Modelle wie das der "Totalen Institution" ausreichen, um das von uns gefundene Unrecht und Leid zu verstehen und auch eine Einordnung in die West- und Ostdeutsche Gesellschaftsgeschichte steht aus. Inhaltlich besticht jedoch zunächst das Leid, das die Kinder erleben mussten. Es ist allem voran an der Zeit dieses Leid und Unrecht zu benennen und gesellschaftlich anzuerkennen.

Wer führt die Forschung durch?

Logo der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
Institut für Geschichte,
Theorie und Ethik der Medizin (Prof. Dr. Heiner Fangerau/Dr. Nils Löffelbein)

Logo Charité - Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin.

Charité Universitätsmedizin Berlin,
Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin (Prof. Dr. Volker Hess/Laura Hottenrott)

Logo der ehb - Evangelische Hochshcule Berlin.

Deutsches Institut für Heimerziehungsforschung gGmbH Berlin (Prof. Dr. Karsten Laudien/ Anke Dreier-Horning)

Logo Universität Heidelberg - Zukunft seit 1386.

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg,
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin (Prof. (apl.) Dr. Maike Rotzoll/ Dr. Christof Beyer)

Dr. Uwe Kaminsky (Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES), Ruhr-Universität Bochum)

Welche exemplarischen Einrichtungen nehmen teil? (Stand 05.05.2019)

  • Vorwerker Diakonie, Lübeck
  • Dominikus-Ringeisen-Werk, Ursberg
  • Stiftung Haus Hall, Gescher (Caritas)
  • Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, KJP
  • LVR-Klinik Bonn, KJP
  • Pfalzklinikum Klingenmünster (damals: Pfälzische Nervenklinik Landeck), KJP
  • Franziskuswerk Schönbrunn
  • Kinderneurospsychiatrie der Universitäts-Nervenklinik Halle/Saale
  • Storkow-Hubertushöhe, Lebenshilfe
  • Diakoniewerk Kloster Dobbertin
  • St. Johannesstift Ershausen, Schimberg
  • Charité, KJP
  • KEH Herzberge und Fachkrankenhaus Berlin- Lichtenberg, Berlin Ost
  • Nervenheilanstalt Uchtspringe, Kinderabteilung
  • "Wiesengrund" in Berlin- Reinickendorf
  • "Waldhaus" Templin, Stephanus-Stiftung

1 Jungmann, J.: Machbarkeitsstudie: Ermittlung der Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die in den Jahren 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik Deutschland sowie in den Jahren 1949 bis 1990 in der Deutschen Demokratischen Republik in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe bzw. Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben, Mai 2016.

2 Siehe u.a. ein abgeschlossenes Projekt im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung zu Medikamentenversuchen an Kindern und Jugendlichen oder das gerade in Schleswig-Holstein begonnene Projekt zur "Untersuchung der Praxis der Medikamentenversuche in schleswig-holsteinischen Einrichtungen der Behindertenhilfe …".

3 Pneumencephalographie ist die Kontrastdarstellung der inneren und äußeren Liquorräume des Gehirns. Durch Gaseinblasung wird ein Teil des Liquors ersetzt, die gasgegefüllten Hohlräume stellen sich auf dem Röntgenbild als Schatten dar. Diese Untersuchungsmethode gilt heute als obsolete Technik, da andere Methoden (z. B. Ultraschalltechniken) ein erheblich geringeres Gefährdungspotenzial besitzen.