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Erste Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung vorgestellt

16. Mai 2019

Prof. Dr. Heiner Fangerau.

Am 13. Mai 2019 fand im Museum für Kommunikation in Berlin die Veranstaltung der Stiftung Anerkennung und Hilfe mit dem Titel "Zeit, über das Leid zu sprechen" statt. Neben Betroffenen, die auf der Veranstaltung von ihren Erfahrungen in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie berichteten, stellte auch Prof. Dr. Heiner Fangerau die ersten Zwischenergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung vor.

ich bekam prügel, mußte zur straf in der ecke stehen, wurde gedehmüdigt, […] mir wurden zur strafe die langen haare abgeschnitten, zur strafe wurde mir mehrmals die beinschiene mit der ich nur laufen konnte abgenommen, bin dann auf alle viere durch die gegend gekrabbelt. zuwendung gab es selten, falls eine der freien schwestern einen in den arm nahm wurde diese gerügt oder sogar entlassen. essenszenzug gab es, oder sogar ebrochenes aufessen. […] und ich wurde vom pastor wie auch nonne angefasst.

Mit diesem eindringlichen Zitat aus dem Zeitzeugenportal begann Prof. Fangerau seinen Vortrag vor den knapp 200 Zuhörern, die sich aus Betroffenen der Stiftung sowie Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zusammensetzen. Zunächst erläuterte er, wie er und sein Forschungsteam bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Leids und Unrechts, das Kinder und Jugendliche in der Vergangenheit in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie erfahren haben, vorgegangen sind. Prof. Fangerau berichtete vom Stand der Erhebung in den 16 Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie, die im Rahmen des Projekts untersucht werden und vom Einrichtungsatlas, einem Kartenprogramm, über das im Laufe der Zeit immer mehr Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie visuell dargestellt werden sollen. Zudem erklärte er, wie wichtig für den Forschungsprozess die Zuschriften über das Zeitzeugenportal sind. Denn die Zeitzeugenberichte enthalten häufig Informationen, die in den untersuchten Patientenakten nicht oder nur codiert zu finden sind.

Im zweiten Teil seines Vortrags berichtete Prof. Fangerau über die Gewalt in den untersuchten Einrichtungen, die bereits zum jetzigen Forschungsstand anhand der Aktenanalysen und der Zeitzeugenaussagen sehr plastisch nachvollzogen werden kann. Das Forschungsteam differenziere aktuell zwischen sechs verschiedenen Formen der Gewalt:

  1. physische und sexualisierte Gewalt,
  2. Entzug von persönlichen Freiheitsrechten,
  3. psychische Gewalt,
  4. medizinische Gewalt,
  5. Behandlung mit psychotropen Substanzen und
  6. medizinische Versuche bzw. Studien.

Zum Abschluss seines Vortrags zog Prof. Fangerau das Zwischenfazit, dass Kinder und Jugendliche in so vielen Fällen Leid erfahren mussten und von Unrecht bedroht waren, dass es sich hierbei nicht um außergewöhnliche Ereignisse gehandelt zu haben scheint. Jede der untersuchten Einrichtungen weist zwar eigene Spezifika auf, jedoch besticht in allen Fällen das Leid, das Kinder und Jugendliche erleben mussten.

Im weiteren Verlauf des Forschungsvorhabens, das noch bis Ende 2020 andauert, soll auch das erfahrene Leid neben den unmittelbaren Gewalterfahrungen - wie zum Beispiel, dass Kinder ihre Familien nicht sehen oder keinen Beruf erlernen durften - beleuchtet werden. Außerdem steht die Einordnung in die West- und Ostdeutsche Gesellschaftsgeschichte aus sowie die Beantwortung der Frage, ob Modelle wie das der "Totalen Institution" ausreichen, um gefundenes Leid und Unrecht zu erklären.

Hier finden Sie den vollständigen Vortrag von Prof. Dr. Fangerau  [PDF, 123KB] .

Hier finden Sie weitere Informationen zu den Zwischenergebnissen der wissenschaftlichen Aufarbeitung.